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„Microsoft hat die weiße Flagge gehisst“ – Interview mit dem Poki Entwickler über die 1. Build Keynote

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Tag 1 der mit Spannung erwarteten Build Konferenz ist zu Ende und es gibt eine Menge zu verdauern. Die vielleicht größte Überraschung der gestrigen Keynote Präsentation: Microsoft will Android und iOS Apps auf Windows 10 bringen und hat Tools entwickelt, mit denen man Apps von den Konkurrenzplattformen mit nur wenigen Modifikationen auf Windows 10 portieren kann. Was bedeutet das für die bisherigen Windows (Phone) Developer? Wir haben mit Tobi von cee gesprochen, dem Entwickler der beliebten Windows Phone App Poki for Pocket.

WindowsUnited: Die meisten Zuschauer schienen von der gestrigen Build Keynote zumindest mittelschwer begeistert. Du wirkst aber ganz und gar nicht glücklich. Wieso?

Tobi: Es gibt hier natürlich mehrere Perspektiven. Diejenige, die ich vertrete, ist die Sicht der bestehenden Windows Entwickler. Milde gesagt war das heute ein Tritt ins Gesicht für uns.

Verständlicherweise treffen die möglichen neuen Apps, die durch Portierungen kommen könnten, auf viel Anklang bei den Benutzern. So sind Konsorten wie Snapchat und Co. plötzlich wieder in greifbarer Nähe. Problem an der Sache ist erstens, dass dadurch viele third-party Apps (wie z.B. ehemals 6snap, oder meine eigene Poki) überflüssig werden könnten, bzw. nur mehr für Enthusiasten interessant bleiben.

Beispiel: Von allen Pocket Apps auf Windows Phone hat Poki einen geschätzten Marktanteil von 90%. Sollte jetzt Pocket die offizielle App auf Windows 10 veröffentlichen, würde der Marktanteil sicherlich innerhalb kürzester Zeit auf unter 5% sinken. Was mir einen (nicht zu vernachlässigenden) Teil meines Einkommens nehmen würde.

Zweitens: Die Build ist noch nicht vorbei, aber der bisherige Stand ist: ab sofort bekommen Android und iOS Entwickler die Möglichkeit, ihre Apps auch auf Windows 10 zu publishen, eine neue potentielle Einnahmequelle also. Umgekehrt bekommen Windows Entwickler aber nicht die Möglichkeit, dies auf Android/iOS zu tun und müssten sich daher erst einmal die Programmiersprachen und die OS-Umgebung aneignen. Logischer Schritt: Das Ganze führt zum Aussterben der Windows Entwickler, weil darin kein ersichtlicher Vorteil mehr besteht, sondern ein offensichtlicher Nachteil.

Du hattest ja auch in einem Tweet davon gesprochen, dass die Ankündigungen den „Tod von Poki“ bedeutent. Glaubst du nicht daran, dass sich eine eigens für Windows Phone entwickelt App qualitativ gegen eine lieblose Portierung durchsetzen kann?

Von lieblosen Portierungen würde ich nicht so einfach sprechen. Natürlich werden viele schlechte Apps kommen, die Apps von großen Firmen/Startups wie Pocket sind jedoch qualitativ hochwertig. Dann steht einer gelungenen Portierung lediglich die Umsetzung von Microsoft im Weg. Und wie gesagt: Der Standard-User weiß nicht einmal, dass es Alternativen gibt und will prinzipiell nur die offiziellen Apps verwenden. Deswegen sehe ich ab dann third-party Apps auch nur mehr als Nischenprodukt. Das könnte (und wird vermutlich) auch Rudy Huyn schwer treffen.

Microsoft hat aber zugleich versucht, die Attraktivität von Windows 10 als Entwickler-Plattform zu betonen. 1 Milliarde potentieller Endgeräte, ein gemeinsamer App-Store, Apps für Phones, Xbox, HoloLens… Wird das nicht ausreichen, um Developer davon zu überzeugen, native Windows Apps zu entwickeln?

Bei der letzten Build war es dasselbe Marketing Gefasel, nur mit 500 Millionen Geräten. Die Realität sieht leider so aus, dass, auch wenn es viele Geräte und potentielle Kunden gibt, durch Apps nur wenig Geld erwirtschaftet wird. Windows Phones sind vor allem im low-end Bereich zu finden (dort, wo wenige Apps gekauft werden). Die Xbox ist nur für Entertainment Apps ausgelegt. Die HoloLens ist vorerst ein high-end Nischenprodukt, durch das man sowieso kein Geld erwirtschaften kann. Und der Windows(Desktop) App Store erfreut sich unterirdischer Downloadzahlen. Auch wenn 500 Millionen User auf Windows 10 upgraden sollten, heißt das nicht, dass jeder den Store verwenden wird. Vor allem nicht auf dem Desktop.

Das Geld bei den Apps ist ja vor allem im Consumer Bereich zu holen und dort hat man als Android/iOS Entwickler einen weit größeren Markt. Zudem kann man mehrere OS bedienen. Als nativer Windows Entwickler allerdings nur Windows.

Du siehst nach der gestrigen Präsentation auch keinen Hoffnungsschimmer, dass sich die Situation, die du beschreibst, bald bessern könnte?

Microsoft versucht verzweifelt, die Apps auf Windows zu bekommen und dieser Lösungsansatz scheint auf den ersten Blick auch nicht schlecht. Aber das Unglück ist jetzt passiert und lässt sich vermutlich auch nicht mehr rückgängig machen, also sehe ich auch keine Hoffnung.

Ich sehe nur, dass sich Windows langsam verliert und zum App-Launcher wird. Dabei wären Microsoft nicht die ersten, die das versuchen – siehe BlackBerry. Das ist zwar nicht exakt derselbe Ansatz, sie geben dabei jedoch auch die Zügel aus der Hand. Eine Portierung von Apps eines anderen Betriebssystem kann keine gesunde Entwicklung fördern und führt nur zu Inkompatibilitäten, Fehlern und vertreibt die größten Unterstützer (die Entwickler). Für mich hat Microsoft gestern sozusagen die weiße Flagge gehisst und sich ergeben.

Welche Ankündigung hättest du dir von Microsoft gewünscht, die sowohl den Windows-Devs als auch der Plattform weiterhelfen würde?

Ich hätte mir gewünscht, dass der Begriff „Universal Apps“ erweitert wird und man als Windows Entwickler auch Android/iOS ansteuern kann. (Denen würde es nicht schaden, wir wären ja nur ein kleiner Fisch im großen Teich).

Für die Plattform ist es schwer zu sagen, ich wüsste da auch nicht direkt eine gute Lösung. Ich hätte Windows auf jeden Fall mehr Zeit gegeben, damit es sich natürlich weiterentwickeln kann. Denn ich denke Windows 10 und die „Apps in Fenstern“ sprechen vermutlich doch mehr Desktop User an, als wenn man noch auf Vollbild limitiert ist.

Korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber ich habe den Eindruck, dass Entwickler nicht nur auf Verdienstmöglichkeiten schauen, sondern es auch immer Plattformen gibt, die gerade „cool“ oder „angesagt“ sind. Können Dinge wie die HoloLens oder auch die neue Offenheit von Microsoft gegenüber anderen Open Source etc. nicht dazu beitragen, den „Coolness-Faktor“ der Windows Plattform zu steigern?

Wenn ich selbst nicht davon überzeugt wäre, dass es cool ist für Windows zu entwickeln, würde ich es nicht machen. Die Einnahmen sind ja deutlich geringer als bei anderen Plattformen. Andererseits kann man es natürlich auch so sehen, dass es wesentlich leichter ist, sich einen Namen zu erarbeiten.

Ich bin der Meinung, dass es nicht unbedingt ausschlaggebend ist, was cool und angesagt ist, sondern eher mit was man selbst sympathisiert. Sonst hätten wir wohl gar keine Apps für Windows, denn angesagt ist es ja nicht unbedingt wenn man auf die Marktverbreitung schaut. *hust*

Wir alle sind doch alle Windows Phone Nutzer, weil wir das Betriebssystem toll finden, und nicht, weil es gerade angesagt ist.

Ok, dann können diese Maßnahmen aber vielleicht dabei helfen, dass mehr Leute mit Windows sympathisieren…

Auch wenn du jetzt versuchst, mich zu einem positiven Kommentar zu bewegen: Ich bin der Meinung, dass das Schiff bereits am sinken ist!

Tobi, wir danken dir für das Gespräch und hoffen dass du und Poki der Windows Plattform noch lange erhalten bleibt.

Die App konnte im App Store nicht gefunden werden. 🙁
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Markus
Gast
Markus

Ich dachte MS hat mit dem neuen angekündigten Visual Studio genau das gemacht was Tobi will?
man Programmiert in Visual und erzeugt darauf dann UA, iOS und Android Apps oder hab ich da was total falsch verstanden??!?!

Morgoth
Gast
Morgoth

Ich hatte es ebenfalls so verstanden: Diese Konvertierung kann doch keine Einbahnstraße sein, oder? Wenn ich eine iOS-App in eine UA konvertieren kann (mit ein paar kleinen manuellen Anpassungen), dann muß das doch auch umgekehrt gehen, oder? Damit würden sich doch komplett neue Märkte öffnen.
Wenn ich eine Universal-App habe, dann läuft die nicht nur auf allen Windows-Geräten, sondern mit relativ wenig Aufwand auch auf iOS und Android. Oder ist das nicht so?

Tobi
Gast

Hi! Nein, das ist leider nicht so. Universal Apps laufen gar nicht unter iOS oder Android (und auch nicht mit ein bisschen Aufwand). Umgekehrt wird es schon funktionieren.
Es gibt schon entsprechende Entwickler-Tools wie „Xamarin“, dies sind allerdings sozusagen (einfach erklärt) eigene Programmierumgebungen, bei denen man von Anfang an planen muss, dass man Apps auf mehreren Betriebssystemen haben will. Wenn man mit einer normalen Universal App startet, kann man diese z.B. nicht in eine Xamarin App verwandeln.

Das Problem an meinem Kommentar und dem Interview im generellen: Wir wissen noch nicht, was am Tag 2 der Build passieren wird.

Markus
Gast
Markus

Universal App bedeutet ja auch nicht Windows, iOS und Andorid sonder:
Windows 10, Windows 10 für Telefone, Win10 für Xbox One, Windows 10 für „Tablet“ und Windows 10 für Hololens… (+ mega touch TV)

ich bin mir zu 99% sicher das man in C# in Visualstudio Programmiert und dann das „ziel“ beim kompilieren auswählen kann also -> Universal Windows -> iOS und Android…
*grübel* ich glaub das stand auf golem.de

Portalez
Gast
Portalez

Danke für das Interview. 🙂 Ähnliches hatte ich mir, als ich die News über die Keynote mit verfolgte, auch gedacht: „Das war es dann für viele Third Party Apps, wenn nun die offiziellen wie Poket, Feedly oder aber auch 9gag kommen.“ Ich habe nun ein lachendes und weinendes Auge. Toll, dass vermutlich weit mehr offizielle Apps in den Store einziehen werden, aber Scheiße, dass dabei viele kleinere Entwickler von Third Party Apps auf der Strecke bleiben _könnten_. Wobei ich aber auch sagen muss, dass sich ein Entwickler für Windows Phone wohl bewusst dafür entschieden hat, um das OS zu bedienen.… Weiterlesen »

Tobi
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Ich bin natürlich noch dran an Poki, ja. War die letzten Monate nur verhindert durch ein anderes Projekt, jetzt gehts wieder voll dahin. Also keine Sorge, bald ists soweit 😉

dancle
Gast
dancle

So böse das jetzt eventuell klingen mag, aber mit sowas sollte man gerade auch als kleiner Entwickler bei Windows Phone immer rechnen. Schließlich kann es ja auch so passieren das die offiziellen Apps von den Herstellern kommen.

Man baut sich quasi im Grunde eine Existenzgrundlage damit auf das man hofft das die eigene Plattform nie bekannter und damit attraktiver wird.

Sven
Gast
Sven

Poki ist wirklich ne Spitzen-App und auch halte die Strategie von Microsoft in Hinblick auf Qualität nicht für den richtigen Weg. ABER: Es ist doch recht naiv, sich jetzt über einbrechende Einnahmen zu beschweren. Viele Apps, gerade die von Rudy Huyn, sind doch nur aus der schieren Not heraus geboren. iOS hat gezeigt, das einzelne Entwickler/kleinere Unternehmen z. B. von Twitter-Clients oder alternativen Kalendern leben können. Nur haben die auch eine andere Kundschaft. Und gerade Twitter unterscheidet sich fundamental von Pocket. Ersteres hatte immer eine Drittentwickler-Kultur, es ist damit groß geworden, zumal die offiziellen Apps für Poweruser unbrauchbar sind. Bei… Weiterlesen »

Andreas Indelicato
Gast
Andreas Indelicato

Wie verbittert muss man als 3rd Party Entwickler bitte sein? Sorry kann als Entwickler für alle 3 Plattformen absolut nicht verstehen wie man davon nicht begeistert sein kann. Ich bin froh das ich mir endlich 90% von extra Code sparen kann den ich braucht. Microsoft wird definitiv mit der Strategie gut fahren und ich unterstütze sie vollkommen in ihrer Entscheidung! BTW es gibt genug 3rd Party Apps die auch trotz einer offiziellen App überleben!

Paul
Gast
Paul

Ich kann Tobi verstehen und kann seine Argumente auch nachvollziehen.
Ich hoffe, dass sich durch die (eventuelle) Zunahme des Interesses an WinPhone eventuell auch die Nachfrage an WinPhone-Development-erfahrenen Personen steigt, die einem simplen Port den einen oder anderen Tweak hinzufügen, der das ganze auf WinPhone noch besser (als ein simpler Port) laufen lässt. Ich hoffe also, dass sich aus dem Schritt von MS auch Chancen und Potentiale für die etablierten Devs wie z.B. ihn oder Rudy Huyn entwickeln.

Hannes
Gast
Hannes

Hmm, ganz unrichtig ist das gesagt sicher nicht – hätte auch eher gehofft, dass MS einen guten Deal mit Xamarin macht und es so (seinen !) Windows Entwicklern einfacher macht, Apps für Android/iOS anzubieten indem z.B. die Version von Xamarin mit Forms und VS Integration kostenlos wird.

Das wäre der Weg gewesen, dass Windows Entwickler mit deren C# Kenntnissen ihre Apps einfacher auf Android/iOS bringen können. Mit dem jetzigen Ansatz wird es Android/iOS einfacher gemacht, ihre Apps auf Windows zu bringen, also genau das Gegenteil.

Tom
Gast
Tom

Ich kann ja nachvollziehen, dass Entwickler von Drittanwendungen nun ein mulmiges Gefühl bekommen. Klar, wenn die Original-App auftaucht, werden viele darauf zurückgreifen. Aber das ist, sorry, nicht das Problem der End-User. Wenn der Original-Anbieter sich die Mühe macht und die App für Windows Phone veröffentlicht, dann ist das für uns End-User sehr gut und ist zu begrüssen. Ihr konntet auf eine Art und Weise Geld verdienen, die es bei iOS und Android gar nicht in der Form gibt, weil dort viele Original-Anwendungen existieren. Kleiner Tipp: bleibt innovativ und bietet Features an, die in der Original-App noch fehlen. Du redest im… Weiterlesen »

PhoneDesigner
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PhoneDesigner

Mehr Apps > größere Attraktivität für User > mehr User > höhere Einnahmen (Marktanteile der eigenen App spielen da eher eine untergeordnete Rolle). Damit einhergehend logischerweise zwar mehr Konkurrenz – aber hey, wenn Windows Phone heute einen Marktanteil von 50% hätte, müsste man sich auch mit mehr Konkurrenz rumschlagen, auf die Qualität der App achten (was bei Poki ja gegeben ist) und mehr in PR investieren. Phone OS‘ sind eben nur einfache App-Launcher. Deswegen nähert sich Windows „Phone“ in Sachen UX auch Android und iOS an, die im Grunde exakt gleich funktionieren – sich optisch nur ein wenig unterscheiden. Meine… Weiterlesen »

Paul
Gast
Paul

Ich dachte man kann mit Visual Studio seit ein paar Wochen auch für Android und iOS entwickeln?

gnackwatschn
Gast
gnackwatschn