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Kommentar: Warum Nintendo auf Smartphones nichts zu suchen hat – und die Entscheidung dennoch richtig ist

Mario

Jetzt ist es also doch passiert – Nintendo goes Smartphone.

Jahrelang hatte sich das japanische Traditionsunternehmen vehement dagegen gewehrt, die kunterbunte Rasselbande rund um Super Mario endlich von der hauseigenen Hardware auch auf den (möglicherweise) weitaus lukrativeren Smartphone-Zug aufhüpfen zulassen.

Super Mario in Windows 10 – passt das ?

Wer jetzt aber denkt, dass der italienische Klempner noch nie fremdgegangen ist – der irrt. Im Zuge eines Lizenzabkommens zwischen Nintendo und Philips wurden für das 1991 erschienene Multimedia-System CDi vier Spiele mit Nintendo Charakteren entwickelt. Nintendo vergab dabei allerdings nur die Rechte zur Nutzung der Charaktere, entwickelt wurde extern, die Spiele gerieten zu einer mittleren Katastrophe.

Software sells Hardware – das wissen wir nicht erst seit der Erfindung des Windows Phones. Und auch Nintendo will Hardware verkaufen. Und das konnte der 1889 gegründete Konsolenriese in der Vergangenheit zumeist sensationell gut:

Der Game Boy ist eine Erfolgsgeschichte wie kaum eine zweite, und auch die Wii verkaufte sich mit über 100 Millionen Einheiten in der jüngeren Vergangenheit wie geschnitten Brot und Nintendo bewies damit wie kaum ein Zweiter, dass nicht immer die überlegende Hardware über Sieg und Niederlage entscheidet, sondern das bessere Konzept zum richtigen Zeitpunkt und natürlich die Qualität der Spiele.

Nintendo droht das Game Over

Doch seit dem Erscheinen der WiiU im November 2012 sind dem Klempner wohl die Rohre eingerostet: Nicht mal 10 Millionen Einheiten wanderten bis Ende 2014 über die Ladentheke. Zum Vergleich: Die Playstation 4 verkaufte sich seit Erscheinen im November 2013 bis März diesen Jahres bereits mehr als 20 Millionen Mal und auch die XBOX ONE dürfte die U mittlerweile eingeholt haben.

Weniger leistungsfähig als eine XBOX 360, dazu ein neuartiges Controller-Konzept, das diesmal vom Massenmarkt nur zögerlich angenommen wurde, sowie ein völlig vermurkstes Marketing, das die neue Konsole samt Touchcontroller zunächst sogar wie ein Zubehör für die Wii erscheinen lies – die Gründe sind vielfältig, warum die WiiU gescheitert ist.

Doch Nintendo wäre nicht Nintendo, wenn sie nicht noch mindestens ein Extraleben aus dem virtuellen Hut zaubern könnten.

Neben der Ankündigung einer möglicherweise neuen, stationären Konsole unter den Codenamen NX lies Nintendo vor wenigen Tagen die Bombe platzen und verkündete: Ja, wir machen ab sofort Spiele für Smartphones und Tablets.

In Kooperation mit dem japanischen Mobilfunkunternehmen DeNA sollen in Zukunft Spiele mit Nintendo Charakteren entwickelt werden.

Nintendo betont dabei ausdrücklich, dass es sich nicht um bloße Konvertierungen bereits bekannter Spiele handelt wird, sondern originale Neuentwicklungen, die auf die spezielle Touchbedienung zugeschnitten sind.

Während Nintendo für die Entwicklung der Spiele zuständig ist, kümmert sich DeNA um die technische Realisierung.

Im Zuge dessen werden Nintendo und DeNA einen plattformübergreifenden Online-Service anbieten, der auch ein Belohnungsprogramm enthalten soll, welches den jüngst eingestellten Club Nintendo dann vermutlich ersetzen könnte.

Zwar läuft der (3)DS noch immer sehr gut, doch Nintendos Einstieg ins Smartphone-Geschäft ist ein lange ignoriertes Zugeständnis , dass sich die Ausrichtung des Massenmarktes in den letzten Jahren dramatisch verschoben hat. Ein 3DS Spiel für 40 Euro ? Wer gibt schon soviel Geld aus, wenn er doch für wenige Euro und oft sogar kostenlos Software für ein Gerät herunterladen kann, welches er längst erworben hat !?

Mal Sonic The Hedgehog auf Windows Phone gespielt ?

Grauenhaft !

Ich will ehrlich sein – ich hasse es, auf dem Smartphone zu spielen ! Eine Runde Pokern oder schnell mal ein paar Minuten Wordament ? Perfekt. Aber ein ehemals hervorragend spielbares Jump ´n´ Run auf einem Touchscreen zu zocken ist einfach nur nervig für mich. Ständig drücke ich daneben und renne in den virtuellen Tod – das macht keinen Spaß !

Ich will physische Tasten drücken, ich will es spüren, wie ich springe, wie ich renne, diese Präzision bei Jeder Herausforderung fühlen und erleben !

Ich bin mit Nintendo groß geworden. Es war das NES (Nintendo Entertainment System) , welches mich für immer prägen sollte. Mein Schrank war voller Spiele und sogar die damals schon erhältliche Lichtpistole (Duck Hunt !) und die noch seltenere Fitness – Matte waren in meinem Kinderzimmer, schon lange bevor Generation Playstation überhaupt daran dachte, ein gern genutztes Gut.

Der neue Game Boy heisst heute nun mal iPhone – das ist Fakt und dem darf man sich nicht verschließen – auch Nintendo nicht.

Als Nintendo verkündete, endlich auch für andere Plattformen zu entwickeln, stieg die Nintendo Aktie um satte 21,3 % steil nach oben !

Aus wirtschaftlicher Sicht mag dies nun vielleicht die richtige Entscheidung sein, aber wenn ein Urgestein wie Nintendo Jemanden seit seiner Kindheit begleitet hat, dann hat das für mich mehr als nur einen bitteren Beigeschmack: Nintendo war bis dato der letzte große Spieleentwickler, bei dem Hard- und Software aus einer Hand kamen – und jetzt kommt mir Keiner mit Apple.

Als sich Sega vor einigen Jahren nach dem abrupten Aus des Dreamcast komplett aus der Hardwareproduktion zurückzog und fortan Spiele systemübergreifend entwickelte, war das bereits der Vorbote dessen, was Nintendo nun ebenfalls – in abgeschwächter Form – beschlossen hat.

Für welche Systeme genau Nintendo nun Spiele anbieten wird, ist bisher nicht bekannt. Ich persönlich kann mir aber nur schwer vorstellen, demnächst Prinzessin Toadstool auf meinem Windows Phone zu befreien.

Aber: Wenn Generation iPhone demnächst doch für 99 Cent mal schnell dem Obermotz Bowser in der U-Bahn eins auf die Rübe geben kann, warum sollte er dann noch einen 3DS mit sich schleppen ?

Nintendo hätte schon vor Jahren ein Nintendo Phone bringen sollen.

Aber Marco, weißt du denn nicht, dass Nokia schon vor Jahren mit dem N-Gage genau dieses Konzept verfolgte und gnadenlos scheiterte ? Ja, weiß ich. Aber Nintendo ist Nintendo und Nokia hatte keine Ahnung von Spielen. Wenn über 100 Millionen Menschen einen Rotz von Hardware (und ich meine lediglich die Spezifikationen) in Form einer Wii kaufen, dann ist da auch ein Markt für ein Nintendo Phone.

Die Ankündigung einer (möglichen) neuen stationären Konsole für 2016 könnte folgende zwei Szenarien zur Folge haben:

Szenario 1: Nintendos NX Konsole kommt mit absolut überlegender Hardware (und diesmal keinem bescheuerten Controller-Konzept) entwickelt sich zum absoluten Kracher und zieht reihenweise entäuschter Next Gen Spieler auf seine Seite, die sich von XBOX ONE und Playstation 4 einfach mehr versprochen haben als ein (nicht mal gravierendes) Grafik-Update von der vorherigen Generation.

Szenario 2: Der Zug ist längst abgefahren, Nintendo kommt zu spät. Die Playstation 4 steht in jedem zweiten Wohn(!)-zimmer (nicht Kinderzimmer), die XBOX ONE bleibt ewiger Zweiter, aber das so gut, dass Cortana nur ein paar markige Sprüche übrig hat, wenn man sie nach Super Mario befragt.

Macht nichts: Schließlich ist Nintendo (in beiden Szenarien) mittlerweile einer der erfolgreichsten App-Entwickler überhaupt. Der Yen glüht vor Glück, aber der Autor dieser Zeilen hier, der wird eine virtuelle Träne verdrücken als die Helden seiner Kindheit anfingen, sich für Apple zu prostituieren.

Ich kann nur hoffen, dass 2016 neben Microsoft und Sony noch immer Platz für einen dritten im Bunde ist.

Im Smartphone-Sektor funktioniert das ja auch auf lange Sicht ganz gut 🙂

Dies ist ein Leitartikel. Die Meinung des Autors spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von WindowsUnited wieder.

Vielen Dank an Nick für die treffende Zeichnung.

Quelle: Reuters / The Verge

 

 

 

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Marco

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"Ein Leben ohne Windows ist möglich, aber sinnlos." (frei nach Loriot)

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Königsstein

Danke für den interessanten Kommentar! Man merkt, wie du mitleidest… 😉 Ich hoffe nicht, dass Nintendo das selbe Schicksal ereilt wie SEGA, aber das Szenario scheint mir fast am plausibelsten.