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Kommentar: Microsoft’s riskantes Preview Programm

Windows-10-Insider-Programm

Das Windows 10 Insider Programm ist nicht nur in der Geschichte von Microsoft einzigartig. Mit fast 3 Millionen registrierten Teilnehmern und hunderttausenden regelmäßigen Testern, handelt es sich wahrscheinlich um das größte Preview Programm in der Geschichte der Software-Industrie. Microsoft selbst lässt dabei keine Gelegenheit aus zu betonen, wie wichtig ihnen das Feedback der User ist und was für einen bedeutenden Beitrag die Insider zur Entwicklung von Windows 10 leisten.

Aus der Community wiederum kommt auch viel Lob zurück. Nicht immer für die jeweiligen Builds, aber doch für das Preview-Programm an sich. Die neue Offenheit, mit der Microsoft zu Werke geht, hat dem Software-Riesen viele Sympathiepunkte eingebracht. Und zweifelsohne haben Produkte aus Redmond in der Vergangenheit oft an einer gewissen Welt- bzw. User-Fremde gekränkelt (man denke nur an die erste Release Version von Windows 8). Da ist es völlig richtig, diesmal frühzeitig Feedback einzuholen und auf die Wünsche und Bedürfnisse der Endbenutzer einzugehen.

Die Entzauberung von Windows 10?

Allerdings geht Microsoft mit dem Windows Insider Programm auch große Risiken ein. Es gibt ja einen Grund, warum neue Produkte, insbesondere im Technologiebereich, normalerweise länger unter Verschluss gehalten werden. Zum einen möchte man sich ungern von der Konkurrenz in die Karten schauen lassen. Zum anderen versucht man in der Regel den Informationsfluss im Sinne einer optimalen Produkt-PR zu steuern. Apple etwa beherrscht diese Kunst fast in Perfektion. Mit gezielten Leaks und kleinen Informationshappen wird der Hype angeheizt, bis man schließlich auf bis ins kleinste Details inszenierten Events den Vorhang lüftet und das neue Produkt mit dem größtmöglichen Knalleffekt vorstellt.

Der Hype um Windows 10 ist riesig. Aber durch das groß angelegte Preview Programm opfert Microsoft auch das Überraschungsmoment, riskiert den heiß ersehnten Windows 8 Nachfolger ein Stück weit zu entzaubern. Die treusten Windows-Fans und die engagiertesten Tech-Journalisten (also gerade Leute, die als Meinungsmacher wichtig sind) bekommen nun die komplette Evolution des OS mit, vom ersten Preview Build bis zur finalen Release Version. Das ist zwar unglaublich spannend. Aber dadurch fehlt am Ende womöglich das „Wow“-Erlebnis. Um es etwas übertrieben auszudrücken: wenn in einigen Monaten das heiß ersehnte Windows 10 rauskommt, ist es für Millionen von Insidern schon kalter Kaffee.

Klar, in einer idealen Welt würde uns das erste Preview-Build schon umhauen und jedes weitere Update aufs neue begeistern. In der Realität ist es leider so, dass sich bei den positiven Elementen schnell ein Gewöhnungseffekt einstellt, während die Schwächen und Probleme einer frühen Vorschauversion schnell zu Enttäuschung führen.

Nehmen wir nur als Beispiel „Project Spartan“, den mit so hohen Erwartungen und großen Versprechungen behafteten Nachfolger des Internet Explorers. Ja, wir sehen schon in der ersten Vorschauversion viele gute Ansätze, würdigen das schlanke UI und coole Innovationen wie die Notizfunktion. Aber auch der neue Browser ist noch eine Baustelle: nicht feature-complete, nicht 100% stabil und auch noch nicht performanter als der Internet Explorer. Zumindest bei mir macht sich da unweigerlich eine gewisse Ernüchterung breit, so oft ich mir auch das Mantra „eine Preview, ist eine Preview, ist eine Preview“ vorbete. Auch wir Insider wollen ja begeistert werden, das ist nur menschlich. Doch die Offenheit und Unmittelbarkeit, mit der uns Microsoft am Entwicklungsprozess von Windows 10 teilhaben lässt, macht das ungleich schwerer – nicht einfacher. Eine undankbare Situation für den Software-Riesen und ein Risiko, das er sicherlich bewusst in kauf nimmt.

Warum es richtig ist, auch mal NEIN zu sagen

Ein weiteres Risiko des Insider Programmes besteht darin, dass sich Microsoft unweigerlich in ein Dilemma begibt: Sie müssen auf das Feedback der Tester hören, aber nicht zu sehr. Das liegt allein schon daran, dass die Insider keine repräsentative Schnittmenge der Zielgruppe sind, die man mit Windows 10 erreichen will. Die Teilnehmer des Insider Programms sind naturgemäß eher erfahrende User und größtenteils solche, die sich der Windows Plattform ohnehin schon verbunden fühlen. Damit Windows 10 zum Erfolg wird, muss das Betriebssystem aber die breite Masse ansprechen, den Laien genauso wie den IT-Pro. Und es muss, vor allem im mobilen Bereich, auch User überzeugen, die mittlerweile mit anderen Plattformen großgeworden sind. Deren Ansprüche und Erwartungen unterscheiden sich aber häufig von jenen langjähriger Windows (Phone) User.

Microsoft wird sich sicherlich der Tatsache bewusst sein, dass das Insider Programm kein repräsentatives Sample der (potentiellen) User-Base bereitstellt. Und das wird dazu führen, dass sie in einigen Punkten ihre Linie gegen die Stimme der Community durchsetzen werden. Potentielle Konfliktpunkte gibt es genug, insbesondere in Sachen Phone UI (traditionell ein emotional aufgeladenes Thema). Zuletzt hatte sich Michael Allison von WMPoweruser über dieses Thema aufgeregt und mit Blick auf die noch immer zahlreichen Designsünden in der Windows 10 mobile Preview gefragt: was für eine Art von Feedback will Microsoft eigentlich von uns?!

Auch hier ist der Spartan Browser wieder ein gutes Beispiel. Die Windows Phone Community verlangt, dass die Adressleiste im mobilen Browser unten bleibt, Microsoft hat sie aber nun, wie praktisch alle Konkurrenten, oben platziert. Ja, aus Usability Sicht hat die WP-Community die besseren Argumente auf ihrer Seite. Aber wenn die Redmonder der Überzeugung sind, dass die Adressleiste am oberen Bildrand wichtig ist, um der Masse an Android und iOS Usern eine vertraute User-Experience zu bieten und dadurch eine Barriere für den Wechsel auf die Windows Plattform abzubauen, ist es dennoch angemessen, diesen Ansatz durchzuziehen.

Es wird spannend sein zu sehen, was sich in diesem konkreten Fall durchsetzt: Prinzipientreue oder Konformismus. Aber es wird unweigerlich Entscheidungen geben, mit der Microsoft die Community vor den Kopf stößt, vor allem nachdem sie immer wieder betont haben, wie wichtig ihnen das Feedback ist und wie ernst sie es nehmen wollen.

Project Spartan für Phones
Project Spartan für Phones

Die Alternative, zu allem „Ja“ zu sagen und es jedem Recht machen zu wollen, wäre allerdings der noch riskantere Weg. Auch das hat man Microsoft’s Produkten ja in der Vergangenheit oft vorgeworfen, dass sie „Alles für Jeden“ sein wollten und deshalb gescheitert sind.

Zuletzt hat der „Phone Designer“ Jonas Dähnert im Interview mit WindowsUnited eine wichtige und bemerkenswerte Aussage gemacht: ein guter Designer hört nicht immer auf die Wünsche seiner Kunden. Natürlich sollte er Anregungen und Kritik ernst nehmen, doch: „Jeder hat so seine Ideen und Vorlieben, aber nicht jeder hat das Hintergrundwissen, oder betrachtet die Plattform als Ganzes.“

Letztendlich hat nur Microsoft das große Ganze vor Augen (hoffen wir’s zumindest). Sie sind dafür verantwortlich, das User-Feedback in ein stimmiges und erfolgreiches Gesamtkonzept zu integrieren. Dabei werden sie richtige und falsche Entscheidungen treffen. Aber die Redmonder wissen vermutlich selbst: bei den falschen Entscheidungen werden sie sich am Ende den Vorwurf gefallen lassen müssen, nicht richtig zugehört zu haben.

Ich schreibe diese Dinge nicht, um das Insider Programm zu kritisieren – ganz im Gegenteil. Ich denke es ist Microsoft umso höher anzurechnen, dass sie diese Risiken bewusst in Kauf nehmen, um am Puls der Community zu bleiben und die User so früh und intensiv wie nie zuvor am Entwicklungsprozess der nächsten Windows Generation zu beteiligen. Und wenn man sich vor Augen führt, in was für eine undankbare Situation sich der Software-Konzern damit teilweise begibt, dann hilft das womöglich, wie eigene Erwartungshaltung ein wenig anzupassen.

Eine Preview ist eine Preview ist eine Preview. Aber DIESE Preview ist einzigartig und – in gewissem Sinne – wagemutig. Ob sich das auszahlt, sehen wir dann in ein paar Monaten.

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Mehr Beef als Maredo.

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Ich phantasiere immer noch davon, dass sie intern sehr viel sein müssen, als das, was in der Preview zu sehen ist. Sie hatten beispielsweise schon im Januar Builds, die den Snapdragon800 unterstützten (siehe Belfiori-Präsentation auf dem 1520). In der Preview kamen die ganzen Treiber dafür (und die Treiber für S4 und Snapdragon200) aber erst letzte Woche mit 10051. Der aktuell in der Preview dargestellte Stand ist nach meiner Laienauffassung auch mit Heerscharen an Codern nicht bis zum Sommer in einen RTM-Status zu bringen. Es ist schließlich ein komplettes OS und keine einzelne App. Insofern lassen sie sich schon nicht in… Weiterlesen »