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Android Lollipop – Erfahrungsbericht eines Windows Phone Fans

Android-Lollipop

Und jetzt? Das war mein erster Gedanke, als ich begann, mich nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder mit einem Android Smartphone auseinanderzusetzen. Eine weitestgehend unverfälschte weil vom Hersteller nur minimal angepasste Version von Android läuft auf einem Moto G (2013), das ich gebraucht auf eBay gekauft hatte. Ein tolles Gerät übrigens, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Vielmehr geht es bei meinem Selbstversuch darum zu sehen, wie ich als langjähriger und passionierter Windows Phone User Google’s mobiles Betriebssystem erleben würde. Was werde ich an Windows Phone vermissen? In welchen Belangen liegt der Marktführer Android vorne? Welche Argumente hat Windows Phone wirklich auf seiner Seite?

Meine letzte intensivere Erfahrung mit Android liegt einige Jahre zurück (bei der Versionsnummer stand noch eine 3 vor dem Komma) und hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mein Leben als Smartphone User spielte sich zwischen Windows Phone und iOS ab und ich hatte nie das Gefühl, allzu viel zu verpassen, wenn ich die Google’s Betriebssystem außen vor lasse. In der Zwischenzeit ist Android aber bei Version 5.0 (teilweise schon 5.1) angekommen und ich höre immer wieder, die Plattform sei endlich erwachsen geworden. Zeit also, die Jugendsünden zu vergessen und Android nochmal eine Chance zu geben.

android-5-lollipop

Erste Eindrücke

Ich starte also mein Moto G und blicke zunächst auf einen leeren Desktop mit 4 kümmerlichen Icons am unteren Bildrand. Und jetzt?,frage ich mich. Da ist keine App, die mit mir kommunizieren will. Keine Schaltfläche, die zum Drücken oder Rumspielen einladen würde. Auf dem iPhone gibt es wenigstens noch die kleinen Zähler auf den Desktop-Symbolen, die anzeigen, wenn eine App neue Benachrichtigungen parat hat. Die Android Icons hingegen sind völlig statisch.

Ich verrate sicher nicht zu viel wenn ich sage, dass die Live-Tiles bis zum Schluss eines der Features von Windows Phone bleiben sollten, das ich bei meinem Ausflug ins Feindeslager am meisten vermisst habe. (Und jetzt soll mir bitte niemand sagen: Ich kann auf Android aber ein Skin installieren, das genauso aussieht wie WP! Nein, tut es nicht. Diese aufgesetzten Kachel-Oberflächen sind hässlich und sinnlos, weil keine echten Live-Tiles.)

Ich will aber auch ein anderes Fazit gleich vorwegnehmen: die Vorurteile bezüglich Performance und Stabilität von Android, die ich Jahre lang gehegt und gepflegt habe, sind so auch nicht mehr haltbar. Abgestürzt ist das Moto G bisher noch nie. Einzelne Apps (wie Google’s Play Musik) sind ab und zu mal abgeschmiert, aber das passiert mir auf meinem Lumia ehrlich gesagt auch. Achja, und einen Virus habe ich bisher auch noch nicht eingefangen.

Das Thema „Android ruckelt“ wollte ich mit KitKat (Android 4.4) schon ad acta legen, mit dem Update auf Lollipop muss es leider wieder auf den Tisch, wenn auch nur kurz. Auf dem 1st Gen. Moto G (Snapdragon 400 Quad-Core Prozessor, 1 GB RAM) läuft Android 5.0 weitestgehend flüssig, gelegentliche Hänger trüben das jedoch das Gesamtbild. Ob dies am berüchtigten Memory Leak Bug liegt oder an der standardmäßig aktivierten Festplattverschlüsselung kann ich nicht genau sagen. Dramatisch sind die Performance Probleme jedenfalls nicht, aber ein Lumia 730 oder Lumia 830 läuft mit der gleichen Hardware deutlich souveräner.

Android-Lollipop-Desktop-UI

Benutzeroberfläche

Doch nun zurück an den Anfang, zu meinen ersten Schritten auf der Android Oberfläche.
Mit einem Klick auf den größeren Button in der unteren Leiste öffne ich ein neues Menü voller App-Icons, die ich nach und nach auf einen der Desktops ziehen kann. Dass man diese Icons beliebig hin und her verschieben kann, vermittelt ein gewisses Gefühl der Freiheit – gerade im Vergleich zum restriktiven iOS, das nicht einmal Lücken zwischen den App-Symbolen toleriert – kann aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es sich auch hier nur um Icons-on-a-grid handelt. So weit, so langweilig. Im Wesentlichen ist das Android Betriebssystem eben immer noch in der alten Desktop-Metapher verhaftet.

Erst durch die Widgets kommt schließlich etwas Leben auf die Android Oberfläche. Ich platziere das Google Now Widget auf dem einen Desktop und einen Kalender auf dem anderen und endlich habe ich das Gefühl: mein Smartphone hat mir etwas mitzuteilen.

Sehr bald merke ich: ich liebe das Email Widget. Mit dem Miniprogramm habe ich gleich 2,3,4 aktuelle Nachrichten auf einen Blick und brauche vom Startbildschirm nur einen Klick, um selber eine Mail zu komponieren. Dagegen wirken auch die Live-Tiles auf meinem Windows Phone etwas limitiert. In Sachen Produktiviät: Punkt Android.

Manche Widgets wirken aber eher wie Deko, als wie ein integraler Bestandteil der Benutzeroberfläche. Außerdem kann man auch nur eine Handvoll Widgets sinnvoll und übersichtlich auf den Desktops platzieren. Insgesamt also, in Sachen UI: klarer Punkt für Windows Phone und seine Live-Tiles – noch immer die schönste Art und Weise, auf die Apps mit ihrem User kommunizieren können.

Spätestens seit Lollipop spielt sich die Action in Android allerdings nicht auf den Widgets, sondern über die Benachrichtigungs-Karten ab. Diese rechteckigen Info-Boxen erscheinen sowohl in der Mitteilungszentrale als auch auf dem Sperrbildschirm. Die Mitteilungszentrale – die wie üblich vom oberen Bildrand heruntergewischt wird – wirkt dadurch sehr übersichtlich und aufgeräumt. Einige Benachrichtigungskarten lassen sich aufklappen, um etwa den kompletten Text einer SMS oder eines Tweets zu lesen, andere sind sogar interaktiv, sodass man beispielsweise Nachrichten direkt beantworten kann, ohne eine App öffnen zu müssen. WP-user müssen für ein entsprechendes Feature erst auf Windows 10 warten.

Ironischerweise ist der Sperrbildschirm – dank der ganzen Benachrichtigungskarten – viel lebendiger als der Desktop und wird somit in Lollipop zum eigentlichen Homescreen. Die Frage ist, ob man das wirklich möchte. Ich gehöre ja schon zu den Leuten, die quasi im 5-Minuten Takt auf Smartphone schauen, aber sogar mich nervt es, dass ich nicht mal die Uhrzeit checken oder einen Musiktitel skippen kann, ohne von Mitteilungen bombardiert zu werden. Natürlich kann man die Benachrichtigungen auf dem Sperrbildschirm auch deaktivieren, aber dann kriegt man gar nichts mehr mit. Dass es anders gehen würde zeigt das Google Now Widget, dessen Benachrichtigungskarten auf dem Desktop erscheinen, wo sie meiner Meinung nach auch hingehören. Aber da spricht vielleicht auch einfach der Windows Phone User aus mir.

Android-Homescreen
Der Sperrbildschirm wird zum eigentlichen Homescreen

A propos Google Now: zumindest in der deutschen Version merkt man doch, dass Google’s Software schon deutlich weiter entwickelt ist als Cortana (die ja offiziell noch nicht mal das Beta Stadium erreicht). Google Now hat zwar keine personality, kann weder Lieder singen noch Witze erzählen, ist in praktischen Dingen aber doch smarter und proaktiver als Microsoft’s digitale Assistentin. Es zeigt mir relevantere News, die Spieltermine meines Lieblingsfußballvereins und wenn ich an einem Kino vorbeilaufe wird automatisch das aktuelle Programm eingeblendet. Durch das Desktop Widget ist Google Now außerdem präsenter als Cortana, die sich ja noch recht dezent im Hintergrund hält. Es gibt Aufgaben, bei denen Cortana zwar schon in der Alpha Version die Nase vorn hat (z.B. bei ortsbasierten Erinnerungen), unterm Strich finde ich Google Now im Alltag aber nützlicher.

Material Design

Mit Lollipop etabliert Google eine neue Designsprache namens „Material Design“, die zuvor schon in verschiedenen Apps eingeführt wurde. Die Grundidee klingt sehr überzeugend. Kurz gesagt liegt der Fokus auf Übergängen und Animationen. Neue Objekte sollen nicht aus dem Nichts erscheinen, sondern sich natürlich und organisch hineinbewegen. Schattierungen sollen den User leiten und zugleich Feedback auf seine Touch-Gesten geben. Die Karten im Action Center, beispielsweise, tauchen beim Runterwischen nicht einfach so auf, sondern schieben sich „natürlich“ übereinander. Die Uhrzeitanzeige auf dem Lockscreen wird sanft in den Bildhintergrund verschoben, wenn man das Phone mit einer Wischgeste entsperrt. Als ich mir die Designprinzipien durchgelesen habe, war ich von dieser Designphilosophie sehr angetan. Vor allem die Wertschätzung einer korrekten „Physik“ hat mich als Naturwissenschaftler angesprochen. Soweit die Theorie. In der Praxis bin ich vom Endergebnis allerdings wenig beeindruckt – im Gegensatz zur Android Community, die die neue Optik überwiegend feiert.

Doch so statistisch der Android Desktop nach wie vor ist, so überladen wirken die Animationen, sobald man beginnt durch das User Interface zu navigieren. An jeder Ecke etwas das sich dreht, verschiebt, auffächert oder aufploppt (ernsthaft, was sollen diese ganzen Blasen?!). Das Zahnrad, zum Beispiel, das sich mitdreht wenn man das Action Center runterzieht erinnert mich an The Incredible Machine oder irgendein anderes dieser alten Technikspiele.

Ich verstehe ja, dass dieses User Interface verspielt aussehen soll – der Android Style sind nunmal Zuckerriegel und grüne Roboter. Mir persönlich ist das Ganze aber doch zu comichaft. (Abgesehen davon machen manche Schattierungen auch physikalisch keinen Sinn, aber das nur am Rande.)

Wenn ich jetzt nochmal darüber nachdenke, finde ich das Konzept des Material Design dann doch ein wenig albern. Der User weiß, dass er nicht wirklich etwas mechanisch bewegt, wenn er das Action Center runterzieht. Er weiß, dass er im Task View nicht buchstäblich durch Seiten blättert. Warum versuchen, diese Illusion zu erzeugen? Zumindest für mich persönlich trägt sie wenig zu einem positiveren Nutzungserlebnis oder einer intuitiveren Bedienung bei. Womöglich bevorzuge ich hier einfach einen „Brecht’schen“ Ansatz, also das, was man im Theater einen Verfremdungseffekt nennen würde: der Zuschauer soll durchaus merken, dass er nicht das wahre Leben, sondern ein Schauspiel betrachtet.

Es gibt allerdings auch einige Ecken und Enden des OS, an denen mir das neue Android Design recht gut gefällt, zum Beispiel in der Musik App. Interessanterweise meine ich dann immer auch ein gutes Stück Metro DNA im Material Design zu entdecken: weniger textlastig, aber mit horizontalen Hierarchien und großen, kachelartigen Vorschaubildern. Die von vielen verhassten Hamburger Buttons sind natürlich allgegenwertig. Aber es ist nicht das Bedienkonzept an sich, sondern die Fülle an (teilweise unnötigen) Pop-Up Menüs, die ich als störend empfinde. Windows Phone ist hier deutlich reduzierter und benutzerfreundlicher und ich hoffe sehr, dass diese Tugend mit Windows 10 nicht allzu sehr verloren geht.

Eine Sache muss man aber in jedem Falle anerkennen: Qualitativ sind Google’s eigene Apps allesamt hervorragend und für die gesamte Plattform stilprägend. Ob Microsoft diese Vorreiterrolle zuletzt noch für Windows Phone ausgefüllt hat, darüber darf man durchaus streiten.

Zwischenbeobachtung

Eine Sache, dich ich an Android liebe: Musiksteuerungen überall. Musiksteuerungen in der App, Musiksteuerungen im Notification Center, Musiksteuerungen auf dem Sperrbildschirm. Und überall sind die entsprechenden Album-Cover zu sehen. Das ist nicht nur praktisch, sondern trägt auch entscheidend zu einer positiven User Experience bei, weil natürlich jeder einen positiven emotionalen Bezug zu seiner eigenen Musik hat.

Eine Sache, die ich an Android hasse: der Zurück Button führt immer nur bis auf den Homescreen – und dann nicht weiter. Wenn man vom Desktop aus zur letzten Anwendung zurückkehren möchte, bleibt nur der Umweg über den Task Manager. Für mich ist das ein Problem, weil ich immer mal wieder „auf blöd“ den Home Button drücke oder zu oft hintereinander zurück gehe und dann ungewollt auf dem Desktop lande. Hier finde ich die Navigation auf dem Windows Phone, allein durch den genialen back button, benutzerfreundlicher und intuitiver.

Apps: willkommen im Schlaraffenland?

Ein entscheidender Vorteil von Android und iOS gegenüber Windows Phone ist bekanntermaßen das deutlich größere App Angebot. Nun sitze ich hier vor dem vollbepackten PlayStore mit seinen gut 1,2 Millionen Apps und Spielen – fast vier mal so viele wie bei Windows Phone – und weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. All die Apps, die man schon immer auf dem Windows Phone vermisst hat und nun endlich ausprobieren kann? Spontan fällt mir keine davon ein. Also lade ich, ganz langweilig, erst einmal die Anwendungen herunter, die ich auch auf meinem Lumia nutze. Die interessante Erkenntnis ist hier bloß: ich finde sie alle, praktisch ohne Ausnahme. Den umgekehrten Wechsel, von Android zu Windows Phone, stelle ich mir im Gegensatz dazu ziemlich frustrierend vor.

Den oft gehörten Vorwurf, Microsoft’s eigene Apps seien auf Android deutlich besser als auf Windows Phone, kann ich übrigens nicht bestätigen – zumindest nicht mit dem Zusatz „deutlich“. Hier ist der Blick rüber zu iOS um einiges frustrierender.

Aber egal ob OneDrive, OneNote, Xbox Music, Office oder Skype – mit all diesen Microsoft Diensten kann ich auf dem Android Gerät (mindestens) genauso gut arbeiten wie auf meinem Windows Phone. Und ja, die Android- und die WP-Version der Apps sehen sich teilweise zum Verwechseln ähnlich. Die Microsoft Health App, zum Beispiel, die ich mit meinem Microsoft Band synchronisiere, ist auf den beiden Betriebssystemen absolut identisch. Sogar das geliebte HERE Drive, lange Zeit eine Lumia Exklusiv App, bietet in der Android Version denselben Funktionsumfang wie auf dem Windows Phone – plus „alternative Routen“, die man in der WP App noch vermisst.

Moralisch finde ich das alles vollkommen richtig. Ich teile Microsoft’s Vision einer „cloud first“ Welt, in der man Services plattformübergreifend nutzen kann. Nur müsste dazu Google erstmal seinen kindischen Boykott von Windows Phone aufgeben. Wer auf Google Drive/Maps/Docs zuhause ist, kann mit einem Windows Phone derzeit wenig anfangen. Das ist meiner Meinung nach ein Argument für OneDrive, Office und Co. aber eine strategisch schwierige Position für Microsoft.

Wie dem auch sei: ein paar Android Apps habe ich dann doch gefunden, die ich auf meinem Lumia vermissen werde: Trello, eBay Kleinanzeigen, eine ordentliche WordPress App, das ein oder andere Game… DIE eine Killer-App, die mich bewegen könnte bei Android zu bleiben, ist nicht dabei. Aber natürlich bietet Android das komplettere App-Ökosystem, das ist gar keine Frage.

Eine weniger vorhersehbare Erkenntnis: der Google Play Store an sich gefällt mir besser, als der Windows Phone Store. Unabhängig von Quantität und Qualität des Angebotes, finde ich, dass hier das Produkt – die App – ansprechender präsentiert wird. Interessant finde ich insbesondere die Trailer-Videos, mit denen Publisher ihre Anwendungen vorstellen können, sowie die kleinen „Medaillen“, die Apps als besonders beliebt oder empfehlenswert auszeichnen. Hier könnte sich Microsoft noch eine ganze Menge.

Google-Play-Store
Schöne Verpackung: Threema App im Google Play Store

Google’s offizieller Store ist für den Android User aber wohlgemerkt nur eine von vielen Bezugsquellen für Apps. Daneben gibt es eine ganze Reihe alternativer Stores und – vielleicht noch wichtiger – die Möglichkeiten die Stores ganz zu umgehen und Apps direkt aus dem Internet runterzuladen. Der anarchische Gedanke dahinter hat immernoch einen gewissen Reiz (auch wenn Google die Vorinstallation des Play Stores mittlerweile praktisch vorschreibt). Die Kehrseite der Medaille dürfte aber bekannt sein: Android ist wohl das einzige mobile Betriebssystem, bei dem ein Virenscanner empfehlenswert ist. Ob man die Verfügbarkeit von Raubkopien als Problem oder Pluspunkt qualifiziert, darf wiederum jeder selbst entscheiden.

Benutzerfreundlichkeit: Mo‘ Power, Mo‘ Problems

Nach ein paar Wochen Android ist mir erstmals richtig bewusst geworden, wie einfach die Bedienung von Windows Phone doch ist. Die WP Oberfläche besteht im wesentlichen aus 3-4 Screens: den Homescreen, die App-Liste und ein (genauer gesagt zwei) zugegebenermaßen etwas aus den Fugen geratenes Einstellungs-Menü.

Im Vergleich zu dieser klaren Struktur wirkt die Android Oberfläche geradezu wie ein Labyrinth. Zunächst einmal gibt es mehrere, horizontal nebeneinander angeordnete Desktops. Eine Ebene tiefer findet man eine ganze Bibliothek von App-Icons, die mit der Zeit ziemlich abschreckende Ausmaße annehmen kann. Danach wischt man sich durch mehrere Seiten Widgets, von denen man die meisten sowieso nicht nutzt. 2 Stockwerke höher gibt es die essentiell wichtige Mittelungszentrale und den zur Mitteilungszentrale gewordenen Sperrbildschirm. Und dann warten noch, in einer anderen Ecke des OS, ein ganzes Sammelsurium an Einstellungen, verteilt auf unzählige Menüs und Untermenüs.

Natürlich MUSS man sich nicht mit allen Details beschäftigen und die hintersten Winkel des Betriebssystems erkunden, um sein Handy im Alltag nutzen zu können. Wenn man sein Android Phone aber einigermaßen personalisieren und sich mit den vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten des Systems vertraut machen möchte, ist die Lernkurve in den ersten Tagen und Wochen allerdings ziemlich steil.

Dass gerade Smartphone-Neulinge und technisch weniger begabte User standardmäßig zu Androide Geräten greifen, ist eigentlich absurd. Hier könnte, nein, müsste Microsoft sehr viel mehr tun, um die Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit seiner Plattform herauszustellen.

Andererseits bietet Android natürlich mehr Freiheiten und mehr Kontrolle über das System als jedes andere Betriebssystem. Die Grenzen zwischen dem, was der Entwickler als Feature vorgesehen hat und dem, was man mit ein paar kleinen Tricks und Hacks machen kann, sind dabei fließend. Egal ob man die Standard SMS-App ändern, einen alternativen App-Launcher installieren, oder gleich ein ganzes Custom-Rom aufspielen will: Wenn man dieses Ich-hab-die-Kontrolle-über-die-Matrix Feeling haben möchte, führt kein Weg an Android vorbei. Für den Durchschnitts-User sind die vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten und die daraus resultierenden Mühen des Mikromanagements freilich zwei Seiten einer Medaille.

Dabei haben Google’s Entwickler eine klar erkennbare Tendenz, Optionen und Features zur Not auf Kosten der Benutzerfreundlichkeit zu implementieren. Ein Beispiel: Das Handy auf lautlos stellen ist für Android nicht mehr gut genug. Stattdessen gibt es nun verschiedene „Unterbrechungs“-Modi. Ich probiere das mal kurz in knapp zu erklären. Im Grunde fragt dich dein Android Phone: Soll ich ganz normal klingeln (bzw. vibrieren), gar nicht mehr klingeln, oder nur bei wichtigen Mitteilungen? Ok, und für wie lange gilt das? Achja, und welche Mitteilungen sind wichtig? Anrufe? SMS? Termine? Ok, verstanden, Anrufe sind wichtig. Von allen Kontakten oder nur von bestimmten Leuten? Und gilt das immer, oder nur an manchen Wochentagen? Ok, und zu welchen Uhrzeiten? Alles klar, und welche App-Benachrichtigungen sind wichtig? Gehen wir mal alle nacheinander durch…

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Mein Fazit

Lange Zeit war ich mir sicher, dass ich nicht viel verpasse, wenn ich die Android Welt bestenfalls mit einem Auge beobachte. Zumindest diese Einschätzung muss ich nach meinem Selbstversuch revidieren. Im Vergleich zu Apple’s iOS halte ich Android derzeit sogar für die aufregendere Plattform – sowohl was die Evolution des OS betrifft, als auch bezüglich der Geräteauswahl.

Für mich als Smartphone-User und Tech-Enthusiast ist das zunächst einmal eine positive Erkenntnis. Wir leben in aufregenden Zeiten mit (mindestens) 3 mobilen Betriebssystemen, die auf hohem Niveau miteinander konkurrieren. Dass Windows Phone dabei von Vielen immernoch nicht ernst genommen wird, ist skandalös. Aber die Arroganz mit der manche WP-Fans (inklusive mir) im Gegenzug auf Android herabgeblickt haben, ist mittlerweile ebenso unangebracht.

In den letzten Jahren hat Google’s Betriebssystem in Sachen Perfomance und Stabilität große Fortschritte gemacht (sodass es sich mit Version 5.0 sogar einen kleinen Rückschritt leisten konnte). Das App-Ökosystem ist qualitativ nicht auf iOS-Niveau, leistet sich aber auch keine großen Lücken. Und in Sachen Funktionalität gibt Android ohnehin längst den Ton an. Apple ist zu sehr von seiner Überlegenheit überzeugt um große Entwicklungssprünge zu wagen und Microsoft läuft beiden seit einiger Zeit hinterher.

Als Liebhaber und Unterstützer der Windows Plattform fällt mein Fazit aber ebenfalls positiv aus. Windows Phone 8.1 ist jetzt schon – alles in allem – auf Augenhöhe und braucht sich vor dem Marktführer ins keinster Weise zu verstecken. Nach 4 Monaten gelegentlicher und 2 Wochen durchgehender Android Nutzung gibt es tatsächlich nur wenig, was mir die Rückkehr zu Windows Phone erschweren würde. Im Gegenteil, den gelegentlichen Griff zu meinem Lumia habe ich immer wieder als Wohltat empfunden.

Was ich an Windows Phone am meisten vermisst habe: Live-Tiles, die hervorragende Tastatur und die einfach zu bedienenden Apps.

Was ich an Android vermissen werde: Interaktive Benachrichtigungen, Music Controls im Action Center und das Google Now Widget.

Einige Vorzüge von Windows Phone weiß ich jetzt, durch den Vergleich mit Android, noch besser zu schätzen: Das schlichte Design, die Reduzierung aufs Wesentliche, die kluge Angrenzung wichtiger Features von weniger wichtigen Features.

Aber auch jenseits von Geschmacksfragen hat Microsoft einige gute Argumente auf seiner Seite. Windows Phone bietet nach wie vor den besten Kompromiss aus Personalisierbarkeit und einfacher Bedienung: nicht so restriktiv wie iOS, aber auch nicht so komplex und unreguliert wie Android.

Und Windows Phone bietet meiner Meinung nach den besten Kompromiss zwischen Einheitlichkeit und einer vielseitigen Geräteauswahl (von der aktuellen Flaggschiff-Flaute einmal abgesehen). Der iOS User ist auf 2-3 überteuerte iPhone-Modelle festgelegt. Bei Android wiederum ist die Fragmentierung der Plattform und das Vollmüllen durch Bloatware nach wie vor ein großer Schwachpunkt, auch wenn sich die Situation hier durch strengere Designvorgaben und den Trend zu „purem“ Android spürbar verbessert hat. Windows Phone hingegen liefert eine konsistente (und konsistent gute) User-Experience über eine relativ große Palette an Endgeräten hinweg – und das weitestgehend unabhängig von Preisklasse, Hardware-Ausstattung und Hersteller.

Hamburger-Button-Windows-10
Outlook App auf Windows 10 und Android

Im Hinblick auf das kommende Windows 10 fällt mein Fazit allerdings etwas ambivalenter aus. Das Positive: Microsoft scheint die Defizite, die im Vergleich zu Android derzeit noch bestehen, konsequent anzugehen: interaktive Benachrichtigungen, Festplattenverschlüsselung, Unterstützung von Bluetooth Peripherals, usw. In all diesen Belangen ist Windows auf einem gutem Weg.

Aber Microsoft steht mit Windows 10 vor einer noch größeren Herausforderung. Sie müssen die Masse der User (und Developer) abholen, die in den letzten Jahren mit Android und iOS großgeworden sind und gleichzeitig klarer herausstellen, was an ihrer Alternative anders und vor allem besser sein soll. Das stumpfe Kopieren der Konkurrenz, das Anbiedern an den Mainstream, wird dabei genauso scheitern wie ein stures Beharren auf Prinzipien, die beim Kunden längst durchgefallen sind.

Auf dem aktuellen Stand der Windows 10 Mobile Preview lässt sich nur schwer abschätzen, ob Microsoft hierbei tatsächlich die richtige Balance findet. Ich bin vorsichtig optimistisch, aber nur vorsichtig. Noch scheint man in Redmond auf der Suche zu sein, aber auch die Konkurrenz wird in der Zwischenzeit nicht untätig sein. Die kommenden Monate werden auf jeden Fall spannend.

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Königsstein

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Paul
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Paul

Ein Blick über den Tellerrand ist meistens lehrreich.

Guter Arttikel! *daumenhoch*

Portalez
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Portalez

Ha! Vielen, vielen Dank! Für den wirklich sehr ausführlichen Erfahrungsbericht. So, wie du ihn geschrieben hast, kommt es mir (fast) so vor, als hätte ich selbst Android ausprobiert – hohe Kunst und zeugt von Qualität. In den letzten 2-3 Monaten hegte ich immer wieder den Gedanken, doch zu Android zu wechseln. Ich war von Windows Phone enttäuscht, was aber letztlich „nur“ auf das Gerät selbst, Lumia 735, zurückzuführen war. Das wollte ich so aber nicht sehen. Also informierte ich mich über Android, trieb mich ein wenig in der Community rundherum um, und freute mich, wenn jemand von Android zu WP… Weiterlesen »

Jo
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Jo

Was hatte dich den am 735er gestört ?

Jo
Gast
Jo

denn*

Portalez
Gast
Portalez

Im Grunde zwei Sachen: Zum einen, dass die Lumia Kamera v5 nicht verfügbar ist (Kurzfassung: Ankündigung der Knips kam 1,5 Monate nach Erscheinen des Geräts – nur Denim-Geräte sollten diese bekommen – erst die Knips macht Denim aus – nur PureView-Geräte bekommen die Knips – Lumia 640 bekam nun die Knips, ohne PureView Gerät zu sein), zum anderen, dass mit der neuesten OS- und Firmwareversion die manuelle ISO-Regelung aus der Microsoft Stock Camera beim Lumia 73X entfernt wurde, und die Aufnahmemodi (Nacht, Nahaufnahme etc.) funktionslos wurden. Das stört mich, und zwar massiv. Softwareseitig nach 1,5 Monaten (Camera v5) und 3… Weiterlesen »

Portalez
Gast
Portalez

An der Stelle vielleicht noch: Ich habe mich bewusst für das 735 entschieden, auch weil ich wusste, dass der Kamerasensor des 720 übernommen wurde. Von der Bildqualität her liefert dieser immer noch mit die beste Qualität aller Lumias. Mit Ausnahme des 1020 und 925.

Markus
Gast
Markus

In Bezug auf: Zitat: Er weiß, dass er im Task View nicht buchstäblich durch Seiten blättert. Ich musste mir schon von Fallöbstlern anhören da ich Bücher teils mit einem Kindle Paperwhite „lese“ das dies ja total schlecht gemacht sei.. kein „echtes“ visuelles Umblätter der Seite wie auf dem aiPät oder manchmal „ruckender“ textaufbau.. wenn ich dann die Text/Lesequalität ansehe frage ich mich dann echt auf was kommt es an. Muss das Design einer „App“ verspielt sein und etwas imitieren damit wir uns „zuhause“ fühlen? … Der Artikel ist aber gut 😀 War ja auch lange Zeit im Andorid „Lager“ und… Weiterlesen »

scenic
Gast
scenic
René
Gast
René

Wirklich toller Beitrag! Sehr schön geschrieben und objektiv beurteilt. Für mich, der noch nie ein anderes Smartphone besessen hat als Windows Phone (ja, sowas gibt’s), sehr informativ und interessant. Als ich damals mein altes Sony Ericsson endlich durch ein Smartphone ersetzen wollte, musste ich mich schon sehr bald für ein mobiles Betriebssystem entscheiden. Apple mit ihrem iPhones war mir schlechtweg zu unsympathisch. Aber auch Android war mir zu diesem Zeitpunkt einfach zu kompliziert und verschachtelt aufgebaut. „Gibt es denn keine Alternative?!“ Oh doch, die gibt es: Windows Phone 8 kam genau zum richtigen Zeitpunkt heraus. „Smartphones mit Windows? Das geliebte… Weiterlesen »

Tamtam
Gast
Tamtam

Support Bericht.

einige punkte, welche für Android sprechen, kann ich selber sehr gut verstehen.

Ich hänge auch nur noch an WP, wegen des Designs des OS.

Leider stört mich an WP die App vielfslt, sowie die Qualität der Apps.

ps: wird eure app ach bald geupdatet? Die übergroßen Fotos stören schon sehr und ein Update des Kommentar Bereich wäre auch super

kon
Gast
kon

Vielen Dank für den wirklich gut geschriebenen „Vergleichstest“ !!! Es fühlt sich so an, als hätte man selbst das Phone in der Hand. Nach WindowsMobile und WP7 hatte ich damals kurz einen Abstecher ins Android-Lager gemacht….war mir aber in der Tat zu unübersichtlich mit den vielen Widgets, ich war immer nur am Scrollen…ich empfand das System damals wirklich als unaufgeräumt, abgesehen davon war Stabilität des Systems damals offenbar noch ein Fremdwort.. Ich bin dann also zu WP8 und kaufte mir das HTC 8x in blau, war sehr happy damit. Ich hatte auch das HD7 von HTC gehabt, bin begeistert von… Weiterlesen »

Timo
Gast
Timo

Moin. Klasse Bericht von Dir und ja, ich habs auch in der Hand gehabt DAS Lollipop. Bin von Android 3.0 bis 4.0 dann aber zu WP umgestiegen. Dein Satz „Einige Vorzüge von Windows Phone weiß ich jetzt, durch den Vergleich mit Android, noch besser zu schätzen: Das schlichte Design, die Reduzierung aufs Wesentliche, die kluge Angrenzung wichtiger Features von weniger wichtigen Features“ … genau deswegen und in Zukunft die totale Vernetzung von W10 werde ich den Lolli nicht lecken 🙂

alinger84
Gast
alinger84

Toller Artikel den ich größtenteils bestätigen kann da ich selbst erst vor knapp 4 Wochen von einem Moto G auf ein Lumia 640 gewechselt bin.

123321
Gast
123321

wow. genialer artikel! sehr schön geschrieben. genau so denke ich jedes mal wenn ich ein Android in die Hand nehme.
von apple nutzern habe ich aber auch schon mal witziges beobachtet als einer ein Android Tablet in dir Hand genommen hatte und als erstes verwirrt war und gefragt hat: hä wo ist denn der homebutton wie kann man das teil denn bedienen?

AndWin
Gast
AndWin

Sehr interessant und phantastisch lesbar geschrieben, sehr gut gelungene Gegenüberstellung, die sachlich bleibt. Vielen Dank.
Ich selbst habe übrigens von Android zuletzt Version 5 zu einen Lumia 630 gewechselt. Das Handy 8.1 Upd 2 ist nie abgestürzt, muss nicht gerootet werden, und es hat einen unglaublich guten Empfang. Ich überlege um fit zu bleiben, ein billiges Android zu behalten, aber der Reiz dem nachzugeben, fällt mir immer schwerer.