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Windows 10 ARM “Always Connected PC”- Feuerwerk oder Katerfrühstück?

Gestern fand die Technology Summit des Chipherstellers Qualcomm statt. Das Unternehmen hinter dem “Snapdragon”-Prozessor hat kurz vor Jahresende den SD 845 vorgestellt, der künftig in Premium-Hardware für Dampf sorgen soll. Liebe Unities, wäre es bei der Vorstellung des Snapdragon 845 geblieben, ich hätte die Präsentation mit einem Achselzucken abgetan. In Zukunft würde mein Smartphone dann eben etwas schneller und effizienter Arbeiten – Maseltov.

Doch Qualcomm hatte mehr im Gepäck. Wie versprochen, hat der Chiphersteller in Zusammenarbeit mit Microsoft und mehreren OEM-Partnern, Windows 10 ARM und dazugehörige Hardware vorgestellt. Mein erster Eindruck, und das zeigen auch unsere Beiträge kurz nach dem Event, fiel sehr positiv aus. Im Redaktionschat sprach ich von “Game-Changer”.

Heute morgen habe ich mir dann vorgenommen die Situation mit einem Tag Abstand zu betrachten. Ich möchte sicher gehen, dass gestern nicht nur der Fanboy aus mir gesprochen hat, der endlich auch positive Meldungen zu Microsofts Hardware-Bemühungen schreiben will.

Schauen wir uns also mal in Ruhe an, was Windows 10 ARM und die bisher gezeigte Hardware eigentlich bedeuten.

Keine Demo der Win32-Performance

Gestern wurde bei den neuen Geräten mit Windows 10 ARM, das HP Envy X2 und das ASUS NovaGO, sehr viel über die flache Bauweise, LTE- und Stiftfähigkeiten und vor allem der enormen Akkulaufzeit gesprochen.

Auffällig abwesend waren Präsentationen der Emulation von Win32-Programmen, deren Performance und Auswirkungen auf die Akkulaufzeit. Dies hat meiner Meinung nach mehrere Gründe:

Emulation ist noch nicht vollends optimiert

Zwar hat man gestern fristgerecht Windows 10 ARM auf verschiedenen Geräten vorgestellt, es wird noch bis Frühjahr 2018 dauern, bis wir die Hardware auch wirklich bestellen können. Bis dahin wird sicher noch einiges optimiert werden. Eine Photoshop-Demo auf einem SD 820 haben wir ja vor einigen Monaten bereits gesehen. Kein Grund jetzt nachzulegen, dafür ist auch noch bei der CES 2018 Zeit (Januar). Hier wird auch Lenovo sein erstes Windows 10 ARM-Gerät zeigen.

Microsoft Strategie und Zielgruppe von Windows 10 ARM

Ein weiterer Grund dürfte in der Zukunftsstragie und der Zielgruppe von “Always Connected PCs” liegen. Diese ARM-PCs sind für leichtes, produktives Arbeiten gedacht: Office, Web, Mail – solche Dinge. Die Geräte sind an Businessanwender und Verbraucher gerichtet, die sehr mobil und immer mit dem Internet verbunden sein wollen. Die Win32-Emulation erlaubt die Nutzung “alter” Firmensoftware und gelegentliches Photoshop für Verbraucher. Wer seine Brötchen mit professionellem Videoschnitt oder Fotobearbeitung verdient oder gar nicht Zocken will, der ist hier falsch.

Microsoft will mittelfristig weg von Win32-Software. Alles Alte und Neue, soll schön in den Store. Die Emulation von Win32-Programmen sollte man also eher als Schlupfloch ansehen – ganz ähnlich wie es bei Windows 10 S möglich ist, auf Windows 10 Pro zu wechseln. Microsoft möchte einfach kein Windows RT-Debakel mehr.

Meine Behauptung wird unterstützt von der Tatsache, dass Windows 10 ARM-Geräte mit Windows 10 S ausgeliefert werden.

Excel-Tabellen öffnen ist ziemlich öde

Die gestrige Präsentation ging etwa 90 Minuten (von denen der Xiaomi Gründer merkwürdigerweise 30 Minuten gelabert hat wie toll seine Firma ist). Es war kein Windows 10 ARM, sondern ein Hardware-Event. Klar, man hätte zeigen können wie sich Excel-Tabellen von der Win32-Version von Office bedienen lassen. Die genannten Punkte Akku, Windows Hello, Stift-Support und das schlanke Design, sind allerdings wesentlich ansprechendere Selling Points.

Wie für eine Vorstellung üblich, hat man seine besten Features hervorgehoben, um möglichst gute Presse für eine noch neue Art des Computers zu erzeugen.

Ich bin mir sicher, dass die “Always Connected PCs” mit Windows 10 ARM ihre Schwächen haben werden. Die Win32-Emulationen werden wohl nicht so energieeffizient und auch nicht so flüssig laufen, wie ein natives Programm. Soll man dies aber gleich bei der ersten Präsentation breit treten? Windows 10 ARM mit Qualcomm-Chips stehen noch am Anfang der Entwicklung, es wird sich noch eine Menge tun.

Fazit

Ich bleibe dabei: Für die allermeisten normalen Nutzer und Businessandwender, werden Windows 10 ARM und “Always Connected PCs” eine starke, positive Veränderung herbeiführen. Selbst wenn es sich bei den Akkulaufzeiten von 22 Stunden und mehr um überzogenes PR-Sprech handelt, werden die allermeisten User zwei volle Arbeitstage mit einem solchen Laptop arbeiten können. Genügsamere Gesellen werden doppelt soviel schaffen.

Zudem ist Qualcomm eine extrem verbraucherzentrierte Firma. Sie dominieren den Verbrauchermarkt seit Jahren, obwohl die Konkurrenz unglaublich stark ist. Ich glaube, dass ein solches Unternehmen einen sehr positiven Effekt auf Microsoft haben kann und diverse “Schnarchnasen” aus Redmond, wachrütteln kann.

Vielleicht interessieren euch auch unsere anderen Beiträge zum gestrigen Event:

Qualcomm kündigt den Snapdragon 845 Prozessor an

HP Envy x2: Das “Surface Pro” mit Windows 10 ARM

Windows 10 ARM und “Always Connected PC”- Alle Infos zur PC Revolution

ASUS NovaGO: Der erste Windows 10 ARM “Always Connected PC

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Leonard Klint

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