EditorialExclusives

Warum Microsoft Hardware entwickeln muss, um relevant zu bleiben

Die Tweet-Salve von Microsofts Vizepr√§sident Joe Belfiore, verbreitete sich gestern fast schon in Trump’scher Manier, wie ein Lauffeuer durch das Netz (zumindest innerhalb der Windows Community).¬† Belfiore erkl√§rte in einem spontanen Anflug von Ehrlichkeit, dass Endverbraucher sich keine Hoffnungen mehr zu machen br√§uchten, was die Entwicklung (von Features und Hardware) von Windows 10 Mobile angeht. Er selbst sei schon l√§nger auf Android umgestiegen – wegen des Angebots an Apps und Hardware. Den ausf√ľhrlichen Bericht findet ihr HIER.

Grunds√§tzlich wussten wir das alles bereits, eine bestimmte Aussage hat meine Aufmerksamkeit aber ganz besonders geweckt. Es geht um das Argument eines Users, dass Nutzer, die (von WP) auf iOS und Android wechselten, das gesamte Windows √Ėkosystem hinter sich lie√üen.

Belfiore argumentiert an dieser Stelle, dass die breite Mehrheit der Windows/Office und Xbox Nutzer, ein anderes Phone-Betriebssystem verwenden, als auf ihren PCs/Laptops. Eigentlich sind es zwei verschiedene Aussagen, die Belfiore hier macht. Zum Einen sind die meisten Windows Nutzer in einem gemischten √Ėkosystem zuhause (also nutzen ein anderes Phone oder PC). Zum Anderen besitzen die meisten iPhone oder Android User eben keinen Mac oder Chromebook.

Die erste Aussage ist ziemlich klar: Der Anteil an Windows Phone Nutzern ist verschwindend gering – die meisten Menschen, die einen Windows Laptop/PC besitzen, haben ein iPhone oder Android. Die zweite Aussage soll zeigen, dass der PC auch bei iPhone- und Androidnutzern immernoch die erste Wahl darstellt. Auch das d√ľrfte richtig sein (wenn auch keine Zahlen genannt werden).

Die Aussage bezieht jene Nutzergruppe nicht ein, die nur ein Telefon oder iPad/Androidtablet und keinen PC/Laptop besitzen. Auch wird die Xbox hier irgendwie als PC mit hineingenommen, was die Aussage etwas verfälscht.

Das ist der Fahrplan f√ľr Windows Andromeda (Surface Phone), Oasis und Polaris

Vor allem aber: Belfiores Aussage ist eine Momentaufnahme. Der Trend, vor allem in den Chromebook-starken USA, wäre interessanter. Außerdem wäre eine Unterscheidung in Business und Verbraucher hilfreich.

Aber gut, nehmen wir es so hin: Aktuell haben die meisten iPhone- und Androiduser einen Windows-PC und keine Desktopvariante ihrer jeweiligen mobilen Betriebssystem.

Ohne eigene Hardware wird sich das Verhältnis ändern

Die iPhone- und Androidnutzer, das implizieren Belfiores Tweets, seien noch immer von den Kaufargumenten eines Windows PCs/Laptops √ľberzeugt. Doch welche Alleinstellungsmerkmale besitzt ein PC eigentlich noch gegen√ľber den mobilen Betriebssystemen der Konkurrenz?

Die allermeisten User verwenden Office auf ihren PCs. Die Produktivsuite ist schon länger und in hervorragender Qualität auf iOS und Android vorhanden. Windows braucht deshalb also niemand.

Browser? Google Chrome ist der weltweit beliebteste Browser. Selbst wenn man Microsoft Edge-Fan ist, hat man nun (oder sehr bald) die Möglichkeit diesen auf mobilen Betriebssystemen zu nutzen.

Was also ist es, was die iPhone- und Androiduser dieser Welt so sehr an den PC/Laptop hängen lässt?

Preis

iPhones werden fast √ľberall in Europa durch Mobilfunkanbieter subventioniert. Selbst Niedrigl√∂hner k√∂nnen sich¬† das Statussymbol “auf Pump” zulegen – Das geht bei einem Mac nicht so einfach. Die meisten kaufen sich also einen g√ľnstigen Laptop oder nutzen Zuhause ihren alten PC-Tower – halten ja auch eine Weile die Dinger.

Androiduser h√§tten zwar Zugang zu g√ľnstigen Chromebooks, diese sind in Europa aber einfach nicht so verbreitet, wie in den USA, obwohl seine F√§higkeiten f√ľr die allermeisten Nutzer sicher ausreichen w√ľrden.

Win32-Programme

Vor allem im Business werden Win32-Programme gebraucht. Firmen haben vor Jahrzehnten bereits Unsummen in spezielle Programme investiert, die sie auf iOS oder Android nicht benutzen k√∂nnen. Der PC bleibt in der Businesswelt also am relevantesten und Businessanwender d√ľrften die gr√∂√üte Zahl an PC-Nutzern ausmachen.

Die allermeisten Verbraucher kämen ohne Win32-Programme aus. Hier zählen Office und vor allem der Browser.

Gewohnheit

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – ganz sch√∂n abgelutscht der Spruch, was? Er ist dadurch aber nicht weniger richtig. Die meisten Menschen lernen nicht gerne und die Windowsnutzung ist den allermeisten “Pre-Millenials”, die die Allmachtszeit von Microsoft miterlebt haben, sehr vertraut.

Drittanbieter-Dienste haben es schwer

Microsoft Chef Satya Nadella

Nun versetzen wir uns aber mal in die Denkweise eines “Sp√§t-Millenials” (etwa Geburtsjahr 2000) hinein. Mit Office 365 werden die meisten privat nur wenig Ber√ľhrungspunkte haben (zumal dies f√ľr einen 17-j√§hrigen doch recht teuer ist). Wahrscheinlich haben sie von Office noch nicht einmal etwas geh√∂rt. Vielleicht haben sie einen Laptop (von Omi zu Weihnachten), nutzen diesen aber nur sporadisch, um im Web zu surfen oder mit Gsuites eine Hausarbeit zu tippen.

Auf ihrem (von den Eltern vermachten oder gesponserten) iPhones nutzen sie nat√ľrlich Apples Safari-Browser. Auf dem Android-Smartphone wird, wie auf dem Laptop, Chrome genutzt. In welcher Cloud werden Bilder und Dateien gespeichert? Bestimmt nicht auf OneDrive (was ist das √ľberhaupt?), sondern auf den integrierten L√∂sungen des Handys. Die meisten Nutzer verwenden also die iCloud oder Google Drive.

Damit ein solcher “Sp√§t-Millenial” ein Drittanbieterprodukt von Microsoft nutzt, muss er sich also bewusst daf√ľr entschieden haben, das passiert nicht zuf√§llig. Fr√ľher, als Microsoft omnipr√§sent war, stellte sich diese Frage erst gar nicht.

Was hat Microsoft im Bereich der (jungen) Kundenbindung zu bieten? Welche Beziehung hat ein solch junger Mensch zu Microsoft? Ja, sobald dieser ins Konzernleben eintritt, wird er sehr wahrscheinlich Ber√ľhrungspunkte mit Microsoft haben. Privat greift wieder das Prinzip der Gewohnheit, eine breite Konvertierung zu MS-Produkten ist also unwahrscheinlich. Langfristig werde ich als Unternehmen auf die M√∂glichkeit warten, dass ich meinen Mitarbeitern das Betriebssystem bieten kann, dass sie kennen und sch√§tzen. Aufgrund von Win32-Kompatibilit√§t, Preis und (noch) mangelhafter Usability ist dies noch nicht m√∂glich, aber wie lange wird das noch so gehen?

Will Microsoft sich nicht nur auf seine Cloudplattform Azure reduzieren, m√ľssen die Redmonder Hardware schaffen, die den Kunden begeistert und ihn an die Dienste des Unternehmens heranf√ľhrt. Davon h√§ngt nicht nur die Zukunft von Windows, sondern auch von Office und allen anderen Diensten ab.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Satya Nadellas Aussage nicht nur so dahergesagt war:

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Leonard Klint

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118 Kommentare auf "Warum Microsoft Hardware entwickeln muss, um relevant zu bleiben"

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